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OCS – ECS – AGA: reiner Chipsatz-Vergleich

Diese Seite vergleicht nicht Gehäuse, Modellnamen oder Marketing. Sie betrachtet nur die eigentliche Chipsatz-Logik: Bitplanes, Farbregister, Chip-RAM, Sprites, Copper, Blitter, DMA und den Zugriff auf den gemeinsamen Speicher.

OCS legte die Grundlage. ECS erweiterte sie vorsichtig. AGA verbreiterte vor allem den Datenpfad und die Farbtiefe. Vieles blieb kompatibel, manches wurde erweitert, aber nicht alles war so revolutionär, wie es spätere Rückblicke gern klingen lassen.

[chipset_diagnostic]
> OCS: Agnus + Denise + Paula / ursprüngliche Architektur
> ECS: Enhanced Agnus + Super Denise + Paula / auch als Mischkonfiguration möglich
> AGA: Alice + Lisa + Paula / 8 Bitplanes, 24-Bit-Palette, breitere Fetch-Modi
> shared principle: planar graphics + DMA + Copper + Blitter + Chip RAM
[chipset/intro]

Drei Generationen, eine Grundidee

Der klassische Amiga arbeitet mit spezialisierten Custom-Chips, die eng mit der CPU, dem DMA-System und dem gemeinsamen Speicher verbunden sind. Für den hier interessanten Kern sind vor allem Agnus bzw. Alice, Denise bzw. Lisa und Paula relevant.

Der gemeinsame Nenner aller drei Generationen ist die Bitplane-Logik, die starke Rolle des DMA, der Copper als displaynaher Coprozessor und die enge Kopplung zwischen Grafik und Chip-RAM. Die Unterschiede liegen im Ausbau dieser Basis: mehr adressierbares Chip-RAM, zusätzliche Displaymodi, breiterer Zugriff auf Chip-Speicher und deutlich mehr Farbraum.

[overview]
> OCS = Basis-Chipsatz der frühen Amiga-Generation
> ECS = konservative Erweiterung bei RAM und Displaymodi
> AGA = breiterer Grafikpfad, 24-Bit-Palette, 8 Bitplanes
[chipset/custom_chips]

Welche Custom-Chips welche Aufgabe übernehmen

Die Namen OCS, ECS und AGA bezeichnen keine einzelne Komponente. Es handelt sich um Familien beziehungsweise Kombinationen mehrerer Custom-Chips. Entscheidend ist deshalb, welcher Chip den Speicherzugriff, die Bildausgabe und die Ein-/Ausgabe-Funktionen übernimmt.

Agnus / Alice

Speicher- und DMA-Zentrale. Agnus beziehungsweise Alice koordiniert Zugriffe auf Chip-RAM, Bitplane-DMA, Sprites, Blitter, Copper, Disketten-DMA und weitere Zeitfenster.

Denise / Lisa

Bildausgabe und Pixelinterpretation. Denise beziehungsweise Lisa setzt Bitplanes, Farbregister, Sprites, Playfields und Displaymodi in den tatsächlichen Videostrom um.

Paula

Audio-DMA, Diskettensteuerung, serielle Funktionen und Interrupt- beziehungsweise I/O-Aufgaben. Paula blieb von OCS über ECS bis AGA im Wesentlichen Teil derselben Grundarchitektur.

Der Copper und der Blitter sind keine separaten großen Gehäusechips mit eigenem Modellnamen, sondern funktionale Einheiten innerhalb der Agnus-/Alice-Seite. Das ist wichtig, weil Rückblicke sie gern so behandeln, als wären sie unabhängig neben dem Chipsatz eingebaut.

[responsibility_map]
> memory timing / DMA / Copper / Blitter: Agnus or Alice domain
> pixel generation / palette / sprites: Denise or Lisa domain
> audio / disk / serial I/O: Paula domain
> chipset generation = coordinated combination, not one magic chip
[chipset/hybrid_configurations]

OCS und ECS waren nicht immer drei saubere Schubladen

Bei OCS und ECS ist eine wichtige Besonderheit zu beachten: Agnus und Denise konnten getrennt ausgetauscht oder in verschiedenen Revisionen verbaut sein. Ein Rechner konnte deshalb einen Enhanced Agnus für mehr adressierbares Chip-RAM besitzen, aber weiterhin mit der älteren Denise arbeiten. Umgekehrt konnte die Displayseite erweitert sein, ohne dass jede Speicherfunktion des vollständigen ECS-Ausbaus zur Verfügung stand.

Konfiguration Praktische Einordnung
OCS Agnus + Denise Ursprüngliche OCS-Grundausstattung mit den klassischen Speicher- und Displaygrenzen.
Enhanced Agnus + Denise Mehr Chip-RAM beziehungsweise erweiterte Speicheradressierung möglich, aber nicht automatisch alle ECS-Displaymodi.
Enhanced Agnus + Super Denise Vollständigerer ECS-Ausbau mit Speicher- und Displayerweiterungen.
Alice + Lisa AGA-System; nicht als einfacher Stecktausch in klassische OCS-/ECS-Mainboards zu verstehen.

Aussagen wie „dieser Rechner ist ECS“ sollten deshalb möglichst über tatsächliche Chiprevisionen, Mainboardausstattung und verfügbare Modi belegt werden. Der Modellname allein reicht nicht bei jeder historischen Umbau- oder Übergangskonfiguration.

[graphics/bitplanes]

Bitplanes: warum Amiga-Grafik planar organisiert ist

Klassische Amiga-Grafik speichert ein Bild nicht als fortlaufende Folge fertiger Farbwerte. Stattdessen liegen mehrere getrennte Bitplanes im Chip-RAM. Jedes Bitplane liefert pro Pixel ein Bit. Zusammen bilden die Bits aller aktiven Ebenen den Index in die Farbpalette.

[pixel_index]
> plane 0 contributes bit 0
> plane 1 contributes bit 1
> plane 2 contributes bit 2
> 3 bitplanes = palette index 0..7 for every pixel

Mehr Bitplanes bedeuten mehr mögliche Farbindizes, aber auch mehr Speicherzugriffe pro Bildzeile. Genau daraus entsteht der zentrale Zielkonflikt der klassischen Amiga-Grafik: Farbtiefe, Auflösung, Overscan und verfügbare DMA-Zeit konkurrieren um dieselbe Chip-RAM-Bandbreite.

OCS / ECS

Bis zu sechs klassische Bitplanes. Fünf Ebenen liefern 32 normale Palettenindizes; sechs Ebenen werden insbesondere für EHB oder HAM6 genutzt.

AGA

Bis zu acht Bitplanes. Damit sind 256 normale Palettenindizes möglich, sofern Displaymodus und Bandbreite die gewählte Konfiguration tragen.

Die Register für Modulo, Datenfetch und Displayfenster erlauben Bilder, deren Speicherbreite, sichtbarer Ausschnitt und Bildschirmposition nicht starr identisch sein müssen. Diese Flexibilität ist Grundlage für Scrollflächen, Overscan, geteilte Bildbereiche und viele Demo-Effekte.

[graphics/palette_ham_ehb]

Palette, EHB, HAM6 und HAM8

Die Zahl der Farbregister und die Zahl der theoretisch darstellbaren Farben sind nicht dasselbe. OCS und ECS besitzen 32 klassische Farbregister mit jeweils 12 Bit Farbtiefe. Jedes Register wählt damit einen Wert aus 4096 möglichen RGB-Kombinationen. AGA erweitert den logischen Registerbestand auf 256 Farben und die Palette auf 24 Bit beziehungsweise rund 16,8 Millionen mögliche Werte.

Modus Funktionsprinzip
Standard OCS/ECS Bis zu 32 normale Farben aus einer 4096-Farben-Palette, abhängig von Auflösung und Bitplane-Zahl.
EHB Sechstes Bitplane ergänzt 32 halbhelle Ableitungen der ersten 32 Farben; insgesamt 64 Indizes.
HAM6 Ein Pixel wählt eine Basisfarbe oder verändert eine RGB-Komponente der vorherigen Pixelfarbe; bis zu 4096 Farbwerte im Modell.
AGA Standard Bis zu 256 direkte Palettenindizes aus einer 24-Bit-Palette.
HAM8 Erweitertes Hold-And-Modify mit sechs Datenbits pro Farbänderung; über 256.000 darstellbare Farbwerte innerhalb einer Zeile möglich.

HAM ist kein gewöhnlicher echter Farbmodus, bei dem jeder Pixel unabhängig einen vollständigen RGB-Wert trägt. Ein Teil der Pixel hängt vom vorherigen Pixel ab. Das spart Bitplanes, kann aber bei harten Farbwechseln typische Farbsäume erzeugen. HAM eignete sich deshalb besonders für Bilder und kontinuierliche Verläufe, weniger für jede beliebige bewegte Grafik.

AGA stellt die 256 logischen Farben über gebankte Registerzugriffe bereit. Die bekannten Farbregisteradressen bleiben aus Kompatibilitätsgründen erhalten; zusätzliche Steuerbits wählen Bank und Schreibweise.

[graphics/hardware_sprites]

Hardware-Sprites: acht DMA-Kanäle mit klaren Grenzen

Alle klassischen Chipsatzgenerationen besitzen acht Sprite-DMA-Kanäle. Ein Sprite ist nicht einfach ein beliebig großes Grafikobjekt, sondern ein hardwareseitig zeilenweise gelesener Datenstrom mit Position, Start- und Endzeile sowie eigenen Farbindizes.

OCS- und ECS-Sprites sind grundsätzlich 16 Pixel breit und beliebig hoch, solange die Daten im Chip-RAM passend fortgeführt werden. Zwei Spritekanäle können gekoppelt werden, um mehr Farbwerte für ein gemeinsames Objekt zu erhalten. Dadurch sinkt die Zahl unabhängiger logischer Sprites.

AGA behält die acht Kanäle, erweitert aber Fetchbreite und Auflösungswahl. Sprite-Daten können 16, 32 oder 64 Pixel breit sein und auch in höheren horizontalen Auflösungen sinnvoll eingesetzt werden. Die Erweiterung ändert also nicht die Zahl der DMA-Kanäle, sondern die Datenmenge und Darstellung pro Kanal.

[graphics/copper]

Copper: registergenaue Arbeit entlang des Rasterstrahls

Der Copper ist ein kleiner Coprozessor, der synchron zum Bildaufbau arbeitet. Seine klassischen Befehlsarten sind MOVE, WAIT und SKIP. Damit kann er auf eine Bildschirmposition warten und anschließend geeignete Custom-Chip-Register verändern.

  • MOVE: schreibt einen Wert in ein erlaubtes Hardware-Register.
  • WAIT: wartet auf eine definierte vertikale und horizontale Rasterposition.
  • SKIP: überspringt abhängig von Rasterposition und Bedingungen den nächsten Copper-Befehl.

Dadurch können Farbregister, Displayfenster, Bitplane-Zeiger, Modusbits und Spriteparameter innerhalb eines einzigen Frames geändert werden. Mehrere horizontale Bildbereiche mit unterschiedlichen Paletten oder Auflösungen entstehen so ohne CPU-Unterbrechung an jeder Rasterzeile.

[copper_flow]
> WAIT for beam position
> MOVE new value into display register
> continue list while CPU performs other work
> display becomes a timed register program

AGA erweitert die Registermöglichkeiten, ändert aber nicht die Grundidee. Der Copper bleibt ein zeitlich eng an die Videoausgabe gekoppelter Registerprozessor und kein allgemeiner zweiter Hauptprozessor.

[graphics/blitter]

Blitter: logische Blockoperationen statt fertiger 2D-Engine

Der Blitter verarbeitet rechteckige Datenbereiche im Chip-RAM. Er kann bis zu drei Quellströme kombinieren, verschieben, maskieren und über eine logische Minterm-Funktion zu einem Zielstrom verknüpfen. Zusätzlich unterstützt er Linien- und Füllfunktionen.

  • Blockkopie: rechteckige Wortfolgen mit eigenen Modulos.
  • Minterms: frei wählbare Boolesche Verknüpfung der Quellen A, B und C.
  • Shift und Masken: pixelgenaue Ausrichtung trotz wortorientierter Verarbeitung.
  • Line Mode: hardwareunterstütztes Zeichnen von Linien.
  • Fill Mode: Füllen geeigneter Bitmuster und Umrisse.

OCS, ECS und AGA behalten im Kern dieselbe Blitter-Logik. AGA macht den Blitter nicht plötzlich zu einer vollständig neuen 32-Bit-Zeichenmaschine. Durch breitere Bitplane-Fetches können jedoch mehr Speicherzyklen für CPU und Blitter frei werden, sodass die Gesamtpraxis schneller wirken kann.

„AGA beschleunigt nicht jeden Blitter-Befehl magisch. Es verändert vor allem die Bandbreitensituation um ihn herum.“

[memory/dma_bandwidth]

DMA und Chip-RAM: alle Spezialisten teilen denselben Raum

Chip-RAM heißt nicht nur, dass Grafikdaten dort liegen. Dieser Speicher ist der gemeinsame Arbeitsraum für CPU und Custom-Chip-DMA. Bitplanes, Sprites, Copper, Blitter, Audio und Diskettenzugriffe benötigen fest eingeplante oder frei nutzbare Speicherzyklen.

Je mehr Bitplanes und je höher die horizontale Auflösung, desto mehr Daten müssen für die laufende Bildzeile geholt werden. Dadurch bleiben weniger freie Zyklen für CPU und Blitter. Fast-RAM beschleunigt eine Amiga-CPU deshalb nicht nur durch schnelleren Speicher, sondern auch dadurch, dass ihre Programm- und Arbeitsdaten nicht ständig mit dem Grafik-DMA um dieselben Chip-RAM-Zeitfenster konkurrieren.

Teilnehmer Bandbreitenwirkung
Bitplanes Regelmäßige Fetches für jede sichtbare Bildzeile; Tiefe und Auflösung wirken unmittelbar.
Sprites Eigene DMA-Slots für Position und Pixeldaten.
Audio Vier unabhängige DMA-Kanäle lesen Sampledaten aus Chip-RAM.
Diskette DMA überträgt Rohdaten zwischen Diskettenlogik und Chip-RAM.
Copper Liest Copperlisten und schreibt synchron in Register.
Blitter Nutzt freie oder priorisierte Speicherzyklen für Blockoperationen.
CPU Greift auf verbleibende Zyklen zu; Fast-RAM kann diese Konkurrenz stark reduzieren.

AGA führt breitere 2×- und 4×-Fetch-Modi für Grafik- und Sprite-Daten ein. Dadurch kann Alice in einem Zugriff mehr Bilddaten übernehmen. Das vergrößert den Spielraum für acht Bitplanes und höhere Farbtiefen, beseitigt aber nicht jede Grenze des gemeinsamen Chip-Speichers.

[display/resolutions_and_timing]

Displaymodi: Auflösung, Farbtiefe und Monitorfähigkeit

„Der Amiga kann 320, 640 oder 1280 Pixel“ ist als Aussage zu grob. Die tatsächliche Displayfähigkeit hängt von Chipsatz, PAL/NTSC-Timing, Interlace, Monitor-Treiber, Bitplane-Zahl, Farbmodus und verfügbarer DMA-Bandbreite ab.

LowRes

Die klassische breite Pixelbasis mit dem größten Spielraum für Bitplanes und Farben.

HighRes

Doppelte horizontale Pixeldichte; bei OCS/ECS sinkt der praktische Farbraum wegen höherer Fetchlast.

SuperHires

ECS und AGA erweitern die horizontale Auflösung, aber klassische ECS-Modi bleiben farblich stark begrenzt.

Productivity / Multiscan

ECS führt flexiblere Scanraten und monitorfreundlichere Modi ein; passende Hardware bleibt Voraussetzung.

Interlace verdoppelt die vertikale Zeilenzahl, kann auf klassischen Monitoren aber sichtbar flimmern. AGA erlaubt seine größere Palette und höhere Bitplane-Zahl auch in vielen erweiterten Modi, doch nicht jede Kombination aus Auflösung, Overscan und acht Bitplanes ist gleich sinnvoll.

[chipset/ocs]

OCS – die Ausgangsbasis

OCS steht für Original Chip Set. Hier liegt die klassische Amiga-Logik bereits vollständig vor: Bitplanes, Copper, Blitter, Audio-DMA, Hardware-Sprites und das typische Teilen des Chip-RAM zwischen Grafik- und sonstigen DMA-Zugriffen.

  • Farblogik: 32 Farbregister mit je 12 Bit, also 4096 mögliche RGB-Werte. Standard-Palettenmodi verwenden bis zu 32 Farben; EHB und HAM6 nutzen das sechste Bitplane nach eigener Logik.
  • Sprites: acht Hardware-Sprites, jeweils 16 Bit breit und beliebig hoch. Das ist die feste Grundlage, auf der viele spätere Software-Tricks aufbauen.
  • Playfields: klassischer Dual-Playfield-Betrieb, nicht „vier echte Playfields“.
  • Chip-RAM / Bus: 16-Bit-orientierter Zugriff auf den gemeinsamen Chip-Speicher.
  • Paula: vier 8-Bit-Audiokanäle plus I/O-Funktionen – nüchtern, effizient, unverwechselbar.

OCS ist deshalb so prägend, weil die Architektur bereits früh sehr klar war. Der Copper schreibt registergenau in den Bildaufbau hinein, der Blitter beschleunigt Speicheroperationen im Grafikbereich, und die CPU lebt mit den DMA-Zyklen auf demselben Fundament.

„OCS ist nicht roh oder primitiv. OCS ist einfach die klare Ausgangslage, auf der der Rest aufsetzt.“

[chipset/ecs]

ECS – vorsichtige Erweiterung statt Bruch

ECS steht für Enhanced Chip Set. Entscheidend ist hier nicht irgendein radikal neuer Grundaufbau, sondern die gezielte Erweiterung des Bestehenden. Die Architektur bleibt klar erkennbar OCS-verwandt.

  • Chip-RAM: Enhanced Agnus erweitert die adressierbare Chip-RAM-Menge je nach Revision; vollständige spätere ECS-Konfigurationen ermöglichen bis zu 2 MB.
  • Displaymodi: ECS erweitert die Monitor- und Auflösungsseite, etwa durch Productivity-Modi und SuperHires-Varianten.
  • Farbprinzip: weiterhin 12-Bit-Palette und dieselbe grundlegende Bitplane-Philosophie wie bei OCS.
  • Paula: im Kern unverändert.
  • Bus: der Zugriff auf Chip-RAM bleibt in derselben grundlegenden 16-Bit-Welt wie bei OCS.

ECS ist deshalb wichtig, weil es den Amiga technisch streckt, ohne seine Denkweise aufzugeben. Wer OCS versteht, versteht ECS schnell. Der große Gewinn liegt weniger in einem völlig neuen Look als in mehr Spielraum bei Speicher und Bildschirmausgabe.

[ecs_focus]
> mehr adressierbares Chip-RAM
> neue Displaymodi und sauberere Monitoroptionen
> gleiche Grundarchitektur, kein Systembruch
[chipset/aga]

AGA – breiterer Grafikpfad, größerer Farbraum

AGA steht für Advanced Graphics Architecture. Der Kernunterschied liegt hier weniger in einer komplett neuen Philosophie als in einer spürbaren Verbreiterung des Grafik- und Speicherpfads. Mit Alice und Lisa wird die bekannte Struktur weitergeführt, aber an entscheidenden Stellen ausgebaut.

  • Alice / Lisa / Paula: Alice übernimmt die Rolle des zentralen Display- und Speichercontrollers, Lisa die Grafikseite; Paula bleibt im Kern erhalten.
  • Farbseite: 256 logische Farbregister mit 24-Bit-Werten; bis zu 256 direkte Farben in Standardmodi und HAM8 als abhängiger Sondermodus mit über 256.000 möglichen Farbwerten.
  • Bitplanes: bis zu 8 Bitplanes statt der früheren klassischen Tiefe.
  • Chip-RAM-Zugriff: AGA erweitert Bitplane- und Sprite-Fetches über breitere 2×-/4×-Modi und schafft damit mehr effektive Grafikbandbreite.
  • Praxis: stocktypische AGA-Maschinen arbeiten weiterhin mit 2 MB Chip-RAM, auch wenn Fast-RAM die Gesamtleistung außerhalb der Grafikseite stark beeinflusst.

Der häufigste Denkfehler bei AGA ist, alles als Totalbruch zu beschreiben. Tatsächlich bleibt sehr viel vertraut: Copper, Blitter, Sprite-Grundidee, Paula und die DMA-Welt verschwinden nicht. AGA ist eher eine späte, breitbandigere Ausbaustufe derselben Familie.

[note/aga]

AGA ist vor allem bei Farbraum, Bitplane-Tiefe und Speicherzugriff interessanter geworden. Es ist nicht sinnvoll, ihm Eigenschaften anzudichten, die eher aus späteren Legenden als aus der realen Hardware kommen.

[software/compatibility]

Kompatibilität: gleiche Familie, aber keine Garantie für jeden Trick

AGA wurde mit starker Rückwärtskompatibilität entworfen. Die bekannten Registeradressen, Copper- und Blitter-Grundideen sowie OCS-/ECS-Modi bleiben weitgehend verfügbar. Dennoch kann ältere Software scheitern, wenn sie undokumentierte Timings, feste Speichergrößen, bestimmte Chiprevisionen oder exakte Bootbedingungen voraussetzt.

  • Saubere Systemsoftware: fragt Displaymodi und Fähigkeiten über Betriebssystemdienste ab.
  • Hardwaredirekter Code: muss Revisionen, Fetch-Modi und gültige Registerbits berücksichtigen.
  • Spiele und Demos: können auf exakten Rasterzeiten, CPU-Geschwindigkeit oder Speicherlayout beruhen.
  • AGA-Systeme: bieten Early-Startup-Optionen und Kompatibilitätseinstellungen, lösen aber nicht jede falsche Annahme alter Software.
  • ECS-Mischsysteme: dürfen nicht nur anhand eines Modellnamens auf vollständige Fähigkeiten geprüft werden.

Gute Software erkennt nicht „A500“, „A2000“ oder „A4000“ und schließt daraus pauschal auf den Chipsatz. Sie prüft die tatsächlich angebotenen Modi, Library-Versionen und Hardwarefähigkeiten oder verwendet die dafür vorgesehenen Betriebssystemabstraktionen.

[chipset/common_misconceptions]

Häufige Missverständnisse

Behauptung Technische Einordnung
„ECS bedeutet immer 2 MB Chip-RAM.“ Nein. Revision, Mainboard und tatsächliche Speicherbestückung entscheiden; Teil-ECS-Konfigurationen waren möglich.
„AGA ist vollständig 32 Bit und deshalb überall viermal schneller.“ Nein. AGA erweitert Fetchbreiten und Palette; Blitter, Paula und viele Grundmechanismen bleiben eng mit der älteren Architektur verwandt.
„HAM zeigt einfach für jeden Pixel eine freie RGB-Farbe.“ Nein. Viele Pixel verändern nur eine Komponente der vorherigen Farbe und sind daher voneinander abhängig.
„Acht Sprites bedeuten acht beliebig große Figuren.“ Nein. Es sind acht DMA-Kanäle mit Breiten-, Farb-, Kopplungs- und Zeitgrenzen.
„Mehr Bitplanes kosten nur mehr Speicher.“ Nein. Sie erhöhen auch die laufenden Bitplane-DMA-Fetches und können CPU sowie Blitter Chip-RAM-Zeit nehmen.
„Der Copper zeichnet die Grafik.“ Nein. Er wartet auf Rasterpositionen und schreibt Register; die Pixeldaten kommen aus Bitplanes und Sprites.
[chipset/comparison]

Direkter Vergleich

Merkmal OCS ECS AGA
Hauptchips Agnus, Denise, Paula Enhanced Agnus, Super Denise, Paula; Teilkonfigurationen möglich Alice, Lisa, Paula
Normale Bitplanes bis 6 bis 6 bis 8
Palette 32 Register, 12 Bit, 4096 Werte 32 Register, 12 Bit, 4096 Werte 256 logische Register, 24 Bit, rund 16,8 Mio. Werte
Sonderfarbmodi EHB, HAM6 EHB, HAM6 EHB, HAM6, HAM8
Sprites 8 Kanäle, 16 Pixel breit 8 Kanäle, 16 Pixel breit 8 Kanäle, 16/32/64 Pixel und erweiterte Auflösungen
Chip-RAM revisionsabhängig, klassische frühe Grenzen mit passender Agnus-/Mainboard-Konfiguration bis 2 MB typisch und architektonisch 2 MB im klassischen AGA-System
Display klassische PAL-/NTSC-Modi zusätzliche SuperHires-, Productivity- und programmierbare Timing-Möglichkeiten ECS-Modi plus größere Farbtiefe und AGA-spezifische Fetchmöglichkeiten
Copper / Blitter Grundarchitektur weitgehend dieselbe Grundarchitektur kompatible Grundarchitektur; mehr Register und veränderte Bandbreitensituation

Die Linie ist klar: OCS definiert den Bauplan, ECS erweitert ihn vorsichtig, AGA öffnet den Datenpfad und den Farbraum spürbar weiter. Wer den Amiga nur über Modellnamen liest, verpasst genau diesen eigentlichen Punkt.

„Nicht jede spätere Zahl bedeutet neue Philosophie. Oft bedeutet sie nur mehr Bandbreite innerhalb derselben Idee.“

[documentation/technical_sources]

Technische Referenzen und Grenzen

Die OCS- und ECS-Grundarchitektur ist im ursprünglichen Commodore Amiga Hardware Reference Manual dokumentiert. AGA-Erweiterungen wurden in späteren Entwicklerunterlagen, Systemdokumentationen und den Monitor-/Displaybeschreibungen von AmigaOS fortgeführt.

Das Hardware Reference Manual von 1991 beschreibt OCS und ECS, nicht die später veröffentlichte AGA-Architektur vollständig. AGA-Angaben werden deshalb nicht rückwirkend als Bestandteil dieses älteren Handbuchs ausgegeben.